Aktuelles zu Forschung, Publikationen und Medien
Hier finden sich aktuelle Publikationen, Interviews, Medienbeiträge, Vorträge und weitere Beiträge von Rauf Ceylan zu Islam, Migration, Religionssoziologie, muslimischem Leben in Deutschland und gesellschaftspolitischen Fragen
Interview auf WDR: Der 7. Oktober und die Auswirkungen in Deutschland
Der 7. Oktober markiert ein dreifaches politisches Erdbeben: Er hat die Illusion einer regionalen Nahost-Normalisierung ohne die Palästina-Frage zerstört, den Annäherungskurs zwischen der Türkei und Israel beendet und Deutschland in eine innenpolitische Zerreißprobe gestürzt. Deutschland erlebte nicht nur eine politische Polarisierung, sondern eine Kommunikations- und Empathie-Blockade zwischen der jüdischen und muslimischen Community.
Dabei teilen Jüdinnen, Juden und Musliminnen, Muslime in Deutschland weit mehr Lebensrealität, als die aufgeladene Debatte vermuten lässt: Im Angesicht des erstarkenden Rechtsextremismus, alltäglicher Diskriminierung und Fragen der gesellschaftlichen Sicherheit existieren gemeinsame Ängste, Interessen und fundamentale - insbesonsere theologische - Schnittmengen. Sie leben in denselben Nachbarschaften und stehen vor denselben gesellschaftlichen Herausforderungen. Doch globale Konflikte werden mit einer derart überwältigenden Emotionalität in den öffentlichen Raum getragen, dass sie diese lokale Wirklichkeit regelrecht in Geiselhaft nehmen. Hinzu kommt eine manipulative Diasporapolitik der Herkunftsländer: Die Narrative aus den Herkunftsländern vergiften die nachbarschaftlichen Beziehungen hierzulande. Jene Dialogbrücken, die über Jahre hinweg mühsam aufgebaut wurden, fallen einer von außen importierten Polarisierung zum Opfer – und der gemeinsame ethische Boden verflüchtigt sich.
Diese Kritik an politischen Instrumentalisierungen entbindet die muslimische Gemeinschaft jedoch nicht von schonungsloser Selbstreflexion: Das Ausmaß der Mobilisierung für Palästina offenbart eine selektive Moral, solange dasselbe Milieu bei verheerenden innerislamischen Kriegen und Hungersnöten – wie im Jemen oder in Syrien – weitgehend schweigt. Wo die Verteidigung von Zivilisten nicht ausnahmslos für alle Menschen gilt, zerbricht die Glaubwürdigkeit und der Nährboden für Radikalisierung wächst; denn wo Recht und Gerechtigkeit als parteiisch wahrgenommen werden, verlieren Menschen das Vertrauen in legitime Politik.
Zugleich erlebt Deutschland eine gefährliche Schrumpfung des demokratischen Debattenraums: Der Raum für Differenzierung, Ambivalenzen und aufrichtigen Streit ist nahezu kollabiert. Ein lebendiger Dialog verlangt das offene Gespräch. An die Stelle eines nuancierten Miteinanderredens tritt stattdessen ein starres Freund-Feind-Schema, das die demokratische Streitkultur von innen heraus aushöhlt. Wer aber im eigenen Land keine offenen, vorurteilsfreien Räume mehr für unterschiedliche Perspektiven und schmerzhafte Widersprüche zulässt, verliert unweigerlich auch nach außen – insbesondere gegenüber dem Globalen Süden – die Glaubwürdigkeit als Vorbild für Menschenrechte und plurale Demokratie.
Interview auf Türkisch unter: https://www1.wdr.de/radio/cosmo/programm/sendungen/koeln-radyosu/aktuelles/yedi-ekim-hayatimizi-nasil-degistirdi-100.html
November 2026 | Neue Publikation
Reflecting on Mosque Research in Europe
Im November erscheint bei Springer VS der von Rauf Ceylan, Simon Freise und Marvin Mücke-Choudhury herausgegebene Sammelband Reflecting on Mosque Research in Europe. Positionality, Infrastructure, Governmentality, and Transnationalism.
Moscheen gehören inzwischen zu den etablierten Gegenständen der europäischen Islam- und Migrationsforschung. Weniger selbstverständlich ist jedoch die Frage, wie dieses Wissen über Moscheen entsteht: Welche Perspektiven werden durch Forschungsdesigns, politische Problemstellungen und gesellschaftliche Debatten nahegelegt? Welche Rolle spielen die Position der Forschenden, transnationale Verflechtungen oder staatliche Regulierungen? Und was verändert sich, wenn Moscheen nicht nur als Organisationen oder religiöse Räume, sondern als Infrastrukturen sozialer, religiöser und politischer Beziehungen untersucht werden?
Der Band versammelt unterschiedliche theoretische und empirische Zugänge und verbindet sie mit einer gemeinsamen reflexiven Perspektive auf Moscheeforschung. Damit soll weniger ein einheitliches Forschungsprogramm formuliert als eine Diskussion darüber eröffnet werden, unter welchen Bedingungen Wissen über Moscheen und muslimisches Leben in Europa produziert wird.
Erscheinung: November 2026 | Springer VS